INTER Club Voltaire wird 10 Jahre alt
Was ist das nun wieder für ein BIld?
Und was ist der Club Voltaire des FC Internationale?
Unser Verein ist eben nicht nur ein Fußballverein, sondern hat auch den Anspruch, sich gesellschaftlich zu engagieren. Unter anderem, indem er Bildungsangebote macht, was zu uns hervorragend passt. Haben wir doch viele Preise für die Nachhaltigkeitsinitiativen erhalten - und Bildung gehört zu den UN-Zielen dazu. Was es mit dem Club Voltaire genau auf sich hat, das hat unser Ehrenvorsitzender Gerd Thomas mit dem Gründer des Club Voltaire, Hans-Joachim Neyer, von allen nur Jimmy genannt, im Interview besprochen. Spannend und lesenswert, Jimmy erzählt übrigens auch ein paar Geschichten aus der Gründungszeit des FC Internationale, den er einst mit ins Leben gerufen hat. In seiner damaligen Wohnung in der Meraner Straße 6 erblickte der Verein einst das Licht der Welt, die Eintragung ins Vereinsregister erfolgte am 21.03.1980.
Heute, am Mittwoch, 27.05. trifft sich der Club Voltaire um 11 Uhr im Jugendraum der Inter-Arena zur Jubiläumsveranstaltung mit dem Thema: "Biedermann und Deutscher Michel". Daher das Foto zu diesem Interview. Referent ist natürlich Jimmy Neyer. Kommt einfach kurzentschlossen vorbei.
Hallo Jimmy und herzlichen Glückwunsch. Der Club Voltaire feiert tatsächlich seinen 10. Geburtstag. Kannst du unseren Lesern kurz erklären, was es damit auf sich hat. Wieso Club Voltaire?
Voltaire? 1966 begann ich mein Studium in Münster: Französisch und Geschichte. Aufklärung, Revolution. 1968/69 spielte ich in Poitiers Fußball. Einer meiner Mitspieler kam aus Limoges. Seine Familie war in Oradour von der SS ermordet worden. „Résistance!“ Als mein Vater das Wort hörte, rastete er aus: „Banditen!“ Nach seinem Tod erhielt ich als Erstgeborner sein Kriegstagebuch 1939 - 1945. Mit einem Foto: Drei tote Zivilisten in einem Grab in Weißrussland, das noch weitere Partisanenleichen aufnehmen sollte. „Bandenüberfälle bleiben nicht ungestraft“. Sein Kommentar nach dem Krieg! 1971: Westberlin. Berlin war richtig, weil Vater sich nicht durch die „Zone“ traute, weil alle Studenten links schienen, weil hier Aufklärung und Widerstand zusammenkamen: gegen die Notstandsgesetze, gegen den Kalten Krieg, für Willy Brandt, Petra Kelly: für den Frieden.
Und warum das bei einem Sportverein?
Den Club Voltaire habe ich erst 2016 gegründet. Nach zwanzig Jahren in Hannover traf ich die alten Freunde aus der Gründergeneration von Inter wieder. Werner Kawald, Peter Diehl und ich organisierten die neue Ü60. Peter Börtzler rief den InterSeniorInnenSport ins Leben. Inter hat bekanntlich keine Vereinskneipe. Warum nicht einen Club Voltaire gründen? Einmal im Monat Treffen mit anschließendem Pizzamenü. Einmal im Jahr eine Weihnachtsfeier. Diskussionen nach den Veranstaltungen. Mit Gretchen Dutschke über Rudi und die 68er Jahre; mit Peter Brandt über die Hohenzollern; mit Benny Behrens über die Umweltschutzpolitik nach 2000. Wir spielen heute noch leidenschaftlich gern Fußball – soweit die Füße tragen! Der Club Voltaire schafft Raum für anregendes Beisammensein. Und der harte Kern trifft sich regelmäßig zum Boulen im Volkspark Schöneberg und zum Knödeln in der Arena. Neue Frauen und Männer von außerhalb haben sich dazugesellt. 1982 unser erstes Frauenteam – in dem Jahr, als Ina Deter sang: „Neue Männer braucht das Land!“
Du bist einer der verbliebenen Vereinsgründer. Der FC Internationale war ja schon immer mehr als nur ein Fußballverein. War das von Beginn an so geplant?
Karlheinz Hamburger hatte die geniale Idee, einen Verein zu gründen, in dem Leistungsfußball betrieben wird, ohne dass ein einziger Spieler Handgeld erhält. Man hielt uns für verrückt. Und wollte uns auch nicht. Weil der von Karlheinz vorgeschlagene Name „FC Berlin“ beim Vereinsgericht gesperrt war, schlug ich „Internationale Berlin“ vor, da ein großer Teil der Gründer vom TU-Club „Internationales Studentenheim Sigmunds-Hof“ kam. Der Name passte dem Verband nicht: „kommunistisch!“ Der Kampf um das „e“ begann. Wir wurden politisiert. Skandalös in den Augen der Altetablierten war, dass wir kein Geld zahlten; dass sich einige Spieler die Freiheit nahmen, in Intertrikots gegen die Schließung der AEG zu protestieren; dass die gesamte Erste nach dem Tod des Hausbesetzers Klaus-Jürgen Rattay mit Trauerflor antrat. Wir wollten aber vor allem Fußball spielen, mit Verstand und Leidenschaft. Aufsteigen, so hoch wie möglich – ohne Geld! Immer mehr Menschen kamen zu uns. Das erste Frauenteam. Die Kreuzberger Roten Teufel bildeten die neue Dritte. Das erste Seniorenteam begann in der Kreisklasse und stieg jede Saison auf, bis in die Verbandsliga, wo wir gegen ehemalige Nationalspieler durchaus mithalten konnten. Und dann, die Basis des weiteren Erfolgs: die vielen Jugendteams mit ihren engagierten Trainern.
Beim Club Voltaire geht es nur selten um Fußball. Wie stellt ihr eure Themen zusammen?
Wer in Rente geht, schätzt Gehirnjogging. Körperlicher Stress ist Gift für die Gelenke. Hüft- und Knie-OP-Spezialisten sind zahlreich vertreten in unseren Reihen. Angefangen habe ich mit Vorträgen über Walter Benjamin, Wilhelm Busch, französische Kunst im Schloss Charlottenburg. Was man so gemacht hat. Peter Börtzler, GEW-Vorstand und Gesamtpersonalrat für LehrerInnen und ErzieherInnen referierte über soziale Ungleichheit in Deutschland. „Soll man Reichtum umverteilen?“ Peter gestaltet bis heute alle plakativen Einladungen und führt die Chronik des Clubs, die man hier anklicken kann. Einer seiner Freunde, Prof. em. Dr. Gerhard Vinnai, sprach zum Thema „Fußballsport und Herrschaft – zur Sozialpsychologie der Sportbegeisterung“. Da kamen sogar Trainer vom Verband in die Arena. Dr. Klaus Michaeles, ehemaliger Oberliga-Spieler des SC Gatow, langjähriger Direktor der BfA, Intermitglied seit 1982, sprach zweimal über die Rentenpolitik – einmal in der Kabine, weil der Vortragsraum durch die Inter-Ferienschule belegt war. Peter Börtzler, Sieke Krönke, Manne Mölders bieten Radexkursionen an. Die Stadtwanderungen mit Arno Pluschke sind ein großer Gewinn und locken ganz andere Interessierte in den Club als die indoor-Veranstaltungen, die allerdings weiterhin die Regel sind. Politisch aufgeladene Themen wie Ukraine, Israel oder die AFD stehen auch im Kalender. Die Kunst besteht darin, unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen zu lassen, Widersprüche zu respektieren. Da kann Voltaire ein Vorbild sein – der allerdings 1753 Sanssouci im Streit verlassen hat. Angeblich wegen illegaler Geldgeschäfte. Die gibt es zum Glück bei uns nicht.
Wer kommt überhaupt zum Zuhören? Klassische Berliner Amateurfußballer wahrscheinlich nicht, oder?
Am Anfang kamen nur die alten Freunde der Gründerzeit von Inter. Wir tagten ja zuerst privat. Bei uns in Friedenau, bei Klaus Metzger draußen am Halensee. Immer kamen Freunde der Gastgeber dazu. Dann Teilnehmer einer Kunstwanderung durch den Fläming, die Robert Schmidt-Matt organisiert hatte. Robert ist Bildhauer. Er machte seine Schüler auf den CV aufmerksam. Von denen kommt heute noch eine Handvoll zu den Veranstaltungen. Jeder Mensch ist willkommen. Als unser Schiedsrichterobmann Ibrahim „Ibo“ Yilmaz seinen Freund Dr. Ömür Akhavuz, Facharzt für Herzchirurgie und Oberliga-Referee auf meine Bitte hin einlud, über „Sterben, Tod und Trauer im Islam“ zu sprechen, kamen Menschen in den Club, die am Fußball kein Interesse haben. Zwei sind heute noch dabei – wenn ihnen das Thema passt. Seaed Ahmad Naghavi, ehemaliger persischer Nationalspieler und ab 1985 mehrere Jahre Spieler der Ersten von Inter referierte bereits 2023 über „Die politische Situation im Iran“. Im Anschluss an die Diskussionen genießen alle die Dolce Pizza und spenden für die Jugendarbeit des Vereins.
Warum gibt es so selten klassische Fußballthemen? Man könnte doch zur anstehenden WM unter den Demokratieverächtern Trump und Infantino eine ganze Vortragsreihe durchführen. Oder zur angeblichen Olympia-Euphorie in der vermeintlichen Sportmetropole Berlin.
Die Olympia-Bewerbung Berlins halte ich für einen Skandal: 1936 – 2036! Darüber kann man reden. Muss man noch über Trump und Infantino sprechen? Man sollte, weil die Leitmedien den Filz von Wirtschaft und Politik nicht durchleuchten, wie schon bei der letzten WM in der Wüste. Nach der Sommerpause sind noch Termine frei. Gerd, Du bist herzlich eingeladen, über die demnächst beginnende Trump/Infantiono/WM zu berichten. Gerne spreche ich mit den Spielern unserer beiden Landesligateams über ihre Heimatländer. Gerne sehe ich die Latino-Familien mit ihren „bombillas“ bei der Ersten. Immer eine Freude, mehr über die USA oder Australien zu erfahren. Der Vater von unserem Zweiten Vorsitzenden und Kapitän unserer zweiten Landesligamannschaft, Miguel Nunez von Voigt, mit dem schönen Namen Jeronimo, hat mal über das Land seiner Eltern, Nicaragua, im CV gesprochen. Ich wäre ja für eine von Soziologen durchgeführte anonyme Mitgliederbefragung. Wo haben Eure Großeltern gelebt? Welche Sprache sprecht ihr zuhause? Die vielen Unterschiede begreifbar machen, die unseren Verein als „Internationale in Schöneberg“ konkretisieren. Die Welt zu Gast in einem Dorf! Klassische Fußballthemen haben wir dauernd an der Seitenlinie. Mit um die 80 kennen wir noch die Vereine der alten Regionalligen – vor der Bundesliga. Wolfgang Schüler kann Dir (vielleicht immer noch) sagen, wer, wann und wo Deutscher Meister und wer Torschützenkönig wurde. Leider hat sich „Killer“ in den letzten Jahren rar gemacht.
Neben dem Club Voltaire betreibt ihr auch den so genannten Seniorensport. Kannst du dazu kurz etwas sagen?
Darum kümmern sich vor allem Peter Börtzler und Sieke Krönke. Im Winter spielen wir Fußball in der Halle, im Sommer auf der Arena. Ganzjährig, wenn das Wetter es erlaubt, treffen sich die Boulespieler „Unter dem Hirschen“ im Volkspark Schöneberg neben dem Rathaus. Peter möchte noch eine Tischtennis AG einrichten. Ich fände eine Gymnastikgruppe wichtig. Micky Kürten und Freunde spielen neuerdings Golf!! Warum nicht! Seniorensport bei Inter ist ausbaufähig.
Du warst lange als Direktor des Wilhelm-Busch-Museums in Hannover. Als du zurück nach Berlin kamst, warst du sehr überrascht, was aus deinem Verein in der Zwischenzeit geworden war. Wie siehst du den FC Internationale heute?
Wir sind jetzt ein mittelständischer Sportverein, der entsprechende Organisationsformen braucht. Der Generationswechsel scheint gelungen. Dank an alle, die dazu beigetragen haben. Der Aufstieg der Ersten in die Verbandsliga scheint sicher. Damit wird allen leistungsbereiten Kindern ein Vorbild geboten: Bester Berliner Fußball ohne Geld! Mit Grundsätzen: „no racism“! Konsolidierung in der Breite: Fußball als Teamsport für Sportbegeisterte – just for fun. Im Soziokulturellen könnte man RentnerInnen und Jugendarbeit zusammenbringen. Als Projekt bis zum 50jährigen Jubiläum vielleicht eine Aufgabe für die Stiftung? Bereits 1988 wollten wir einen „Lebens-Abend e.V.“ gründen. Ernsthaft!
Der Verein war schon in den 1980er-Jahren für sein gesellschaftliches Engagement bekannt, beim damaligen West-Berliner-Fußallverband VBB sogar berüchtigt. Als Antwort auf die von dir maßgeblich initiierten Friedensturniere sagte der damalige VBB-Geschäftsführer – übrigens Vereinsmitglied bei Kickers 1900 – der Weg zum Frieden dürfe nicht über die Fußballfelder führen. War das damals der Zeitgeist des Berliner Fußballs?
Die frühen 1980er Jahre standen im Zeichen des Nato-Doppelbeschlusses. Inter folgte der Friedensinitiative um Ewald Lienen, Rudi Völler, Franz-Josef Kemper. Vor dem Beginn der Rückrunde erhielten 123 VBB-Vereine die Einladung zum Osterturnier am 11.04.82. Der Ton wurde rauer. Verband und FUWO reagierten ablehnend. Acht Mannschaften nahmen teil. Anadoluspor gewann den Picasso-Pokal. Trotz des schlechten Wetters war das Turnier ein Erfolg. Dank der Wiener Würstchen von Wolfgang Diekmann, der Begleitmusik von Günther Maschke und Dank der FußballerInnen. Im nächsten Jahr organisierte Andreas Klose, damals überragender Torsteher der Ersten, heute Organisator der Ü60, eine Auswahl Berliner Oberligaspieler. Der Verband musste sich daran gewöhnen, dass Fußballer ihren eigenen Kopf haben. Wegen des Wetters haben wir später die Turniere von Ostern auf Pfingsten verlegt. Und allmählich rückten andere Dinge in den Vordergrund. Die Kritiker von Inter unterstellen uns immer politische Ziele. Dabei wollen wir nur spielen!
Wenn du dir Inter 2030 vorstellst, dem 50. Geburtstag, was fällt dir dazu ein und was wünschst du dir?
Weiter so! Doch eins noch: etwa mehr Druck auf die politisch Verantwortlichen für den mangelhaften Zustand der Schöneberger Sportplätze und Hallen: „wir wählen Euch nicht (mehr), wenn Ihr so weiter macht!“
Vielen Dank für das Gespräch und herzlichen Glückwunsch!
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